Wladimir Putin ist uns im Westen noch immer weitgehend ein Rätsel. Westliche Standardmedien zeichnen das Bild eines Despoten, der unberechenbar sei und in der Regel jedenfalls auf der falschen Seite steht. In einem denkwürdigen Buch beschreibt Stephan Berndt, was Putin »wirklich will«. Für politisch Interessierte ein Muss.
Quelle: KOPP
Der Name Wladimir Putin lässt den meisten Kommentatoren in den großen Medien noch immer einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Die Karten zwischen Gut und Böse sind klar verteilt. Das Bild, das von ihm gezeichnet wird, lässt wichtige Details aus. Absichtlich? Stephan Berndt stellt in seinem jüngsten Buch Was will Putin? genau diese These auf. Die Absichten des russischen Regierungschefs bleiben absichtlich im Dunkeln. Deshalb ist dieses Buch wichtig. Sehr wichtig.
Der Autor hat sich während der Ukraine-Krise 2014 inspirieren lassen. Auch ich sehe noch zahlreiche Fernsehsendungen vor mir, die sich der unübersichtlichen Gemengelage stets in einer Absicht näherten: Putin als Kriegstreiber darzustellen, der den Westen offen provoziere. So jedenfalls sah das Bild vom Machthaber aus. Stets jedoch schwebte die Frage im Raum, was der Machthaber überhaupt wolle. Sicher, die Krim hat eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung. Aber ging es Putin tatsächlich um die Krim, um Provokation oder um einen Krieg? Die Frage blieb stets unbeantwortet, bestenfalls waren die Antworten seltsam rätselhaft.
Und noch heute könnte Ihnen kein Gast der zahllosen Talkshows genau sagen, was Putin eigentlich will. Krieg? Macht durch Drohungen? Ein (heimliches) Bündnis mit China? Saudi-Arabien? Oder droht er nur, ohne ernsthafte Absichten zu verfolgen?
Stephan Berndt macht sich die Mühe, fundiert und glasklar die tatsächlichen Beweggründe und Vorgehensweisen herauszuarbeiten. Unverblümt verdeutlicht er, dass Putin seiner Meinung nach auf jeden Fall und jederzeit eine nukleare Eskalation zumindest in Kauf nehmen könnte. Ein Weltkrieg, den niemand im Westen beschreiben mag, so Berndt. Dabei könnte es sein, dass Putin keine andere Chance sähe, wenn die NATO Russland bedrängt oder Russland gar keine Trümpfe mehr in der Hand habe. Man solle sich also nichts vormachen: selbstverständlich kann es zu einem Krieg kommen. Punkt.
Dennoch geht der Autor dem Fall weiter nach. Aus gutem Grund rollt er die zurückliegenden Monate und Jahre auf. Wie die Medien im Westen und speziell bei uns in Deutschland sich verhielten, als sich der Ukraine-Konflikt zuspitzte oder als die MH17 abgeschossen wurde. Gerade das Flugzeugunglück hatte Wladimir Putin den Ruf eingetragen, ein Massenmörder zu sein.
Zahlreiche Beispiele im Berndt-Buch rufen uns noch einmal in Erinnerung, wie sehr die bürgerlichen Medien im Nebel stochern, wenn es um die Motivation von Wladimir Putin geht. Allein die Erinnerung an diese Beispiele lohnt bereits die Lektüre dieses Buches. Denn bis heute hat sich nicht viel an dieser Rätselei geändert. Selbst die Kanzlerin macht mit, wie etwa auf den Seiten 34 ff. zu lesen ist. Doch Berndt sieht genau hin. Ein Korrespondent, der früher in den westlichen Massenmedien förmlich zu Hause war, darf sich auf Russia Today äußern. Und dort beschreibt er ganz genau, was Putin will. … Seltsam, dass die großen Medien sich darum nicht kümmern beziehungsweise kümmern wollen.
Stattdessen machen sich die Medien in weiteren Sendungen über die Beweggründe her und stochern im Nebel. Maischberger, Phoenix, der Deutschlandfunk oder Cicero. Das Buch ist allein durch diese Ereignisse nebenher ein wunderbarer Bericht über die Medienlandschaft in Deutschland, wie sie seit vielen Jahren existiert. Dafür trägt der Autor des Weiteren zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit zusammen. Ein aufschlussreiches Cover des Spiegel.Verstörende Aussagen von Joschka Fischer, der unterstellt, Putin wolle gleich die ganze Weltmacht, die Ansichten von Henry Kissinger – dieses Buch ist ein wahrer Ritt durch ein Sammelsurium seltsamer Theorien und Ängste im Zusammenhang mit Wladimir Putin.
Doch Stephan Berndt lässt auch den Angeklagten selbst zu Wort kommen und hebt sich schon dadurch herausragend von der Arbeit der Massenmedien ab. Putin selbst hat seine Ansichten, Absichten und Einsichten in zahlreichen Reden, Interviews über viele Jahre dargelegt. Gekonnt verknüpft Stephan Berndt historische Ereignisse und zeigt genau daran auf, wie Putin denkt. Als Leser werden Sie sich vermutlich ebenso wie ich fragen, ob die westlichen Politiker nicht hinhören wollten oder durften. Beispielhaft sei an dieser Stelle aus einer 2007er-Rede zitiert. Das Thema hier: Die NATO-Osterweiterung:
»Ich denke, es liegt auf der Hand, dass die Expansion der NATO mit der Modernisierung des Bündnisses selbst oder mit der Gewährleistung der Sicherheit in Europa in keinerlei Zusammenhang steht. Sie stellt im Gegenteil eine ernste Provokation [Russlands] dar […]. Wir haben das Recht, zu fragen, gegen wen diese Expansion sich richtet.«
Diese Stelle greife ich wie beschrieben beispielhaft für die hervorragende Arbeit von Stephan Berndt heraus. Solche Passagen, hier aus dem Jahr 2007, eröffnen die Frage, warum der Westen nicht hingehört hat, bevor er der Ukraine Jahre später seine – militärische – Hilfe angeboten hat. Konnte es wirklich überraschen, dass Russland sich angesichts der nahenden NATO zur Wehr setzte? Oder war es vielmehr Kalkül des Westens?
Ist es so unglaubwürdig, wenn Putin zum Beispiel im Dezember 2014 dann sagte: »Es geht nicht um die Krim, sondern darum, unsere Unabhängigkeit zu verteidigen, unsere Eigenständigkeit und unser Recht, zu existieren.«
Dieses Buch belegt, dass wir Putin zuhören sollten. Genau zuhören, denn Putin hat sehr deutlich gemacht, dass er sich wehren wird. Dass Russland sich wehren wird. Er »würde den Krieg wagen. Diese Möglichkeit steht im Raume«, resümiert auch Stephan Berndt und zitiert dafür noch zahlreiche andere Zeugen. Michail Gorbatschow, Sergei W. Lawrow, Sergei Glasjew oder auch Dmitri Medwedew kommen zu Wort.
Weder ist die Bedrohung Russlands eine fixe Idee von Putin, noch ist es die Antwort, die wir zweifelsohne erwarten dürfen.
Aus diesem Grund eröffnet Stephan Berndt eine zweite Untersuchungslinie. Würde Putin sich bzw. Russland also bedroht sehen und antworten, dann steht die Frage nach den Ansichten und Handlungsoptionen der USA offen. Streben die USA eine »globale Dominanz« an, also genau jene Macht, die Putin fürchtet und bekämpfen wird?
Der Autor zeigt anhand zahlreicher Belege, dass genau dies zu befürchten steht. Die USA, so Berndt, sind Russlands Gegenpol. Dies lässt sich anhand der Aussagen von Zbigniew Brzezinski in seinem Buch Die einzige Weltmacht, zuletzt wieder erschienen im Kopp Verlag einfach nachweisen.
Auch George Friedman, heute Chef des von ihm selbst gegründeten Thinktanks Stratfor, zeigt dies in seinen Aussagen zur grundlegenden Strategie der USA überdeutlich auf. Friedman zählt für seinen Thinktank namhafte Kunden aus der Rüstungsindustrie wie Lockheed Martin, Raytheon oder das Chemieunternehmen Dow Chemical.Man darf ihn ruhig als Interessenvertreter dieser mächtigen Lobby begreifen. Friedman, so zitiert Berndt, wies darauf hin, dass es »das primäre geostrategische Interesse der USA ist, zu verhindern, dass Deutschland und Russland wirtschaftlich und politisch einen gemeinsamen Block bilden«.
Die daraus ableitbare Strategie Friedmans sowie die Stimmen anderer amerikanischer Einflussgrößen über Putin verdichten das Bild, das der Autor in der Frage krönt, was die USA will?Dies ist der Schlüssel zum Verständnis Wladimir Putins.
Mit diesem Buch und all seinen weitreichenden historischen Belegen klärt sich das Phänomen Putin wahrscheinlich schneller, gründlicher und wahrer als in Fernsehbeiträgen und – Talkshows Deutschlands zusammen. Ein wichtiges Buch, das politisch interessierte Leser zum Verständnis der gesamten globalen Vorgänge meiner Meinung nach unbedingt lesen sollten.