Kurdische Autonomie – Kerrys Plan B oder Putins Plan A? Von F. William Engdahl

 

Am 17. März riefen Delegierte, die verschiedene Ethnien und Nationalitäten wie Kurden, Araber, Assyrer, Aramäer, Turkmenen, Armenier, Tscherkessen und Tschetschenen vertraten, die »Föderation Nördliches Syrien« aus. Ihnen gehören Vertreter der Verteidigungseinheiten des syrischen Volkes oder der YPG und der Verteidigungseinheiten der YPJ-Frauen an. Die Föderation soll die 250 Meilen entlang der syrisch-türkischen Grenze umfassen, die überwiegend von Kurden gehalten werden.

 

epa04834514 Kurdish Peshmerga soldiers take up positions, south of Kirkuk, northern Iraq, 06 July 2015. According to media reports , Kurdish Peshmerga forces recaptured a village from the Islamic State (IS) south of Kirkuk. Islamic State jihadists struck back at Kurdish forces in northern Syria, launching a major offensive along a 150-kilometre frontline on 06 July. The Syrian Observatory for Human Rights said the jihadists had recaptured the town of Ain Issa, 50 kilometres north of the group's stronghold of al-Raqqa, two weeks after it fell to the Kurdish People's Protection Units (YPG). EPA/STR

 

Am 15. März, nur zwei Tage zuvor, sorgte der russische Präsident Putin für eine große Überraschung in der Welt, als er »Mission Accomplished« (»Auftrag ausgeführt«) in Syrien bekanntgab und den beginnenden Rückzug der russischen Kampfflugzeuge und des Personals befahl. Beide Ereignisse sind eng miteinander verknüpft.

 

 

Verbundene und einander widerstreitende Zielsetzungen
 
Der beginnende Rückzug Russlands und die Ausrufung eines kurdischen autonomen Bundeslandes innerhalb Syriens stehen in einem Zusammenhang. Allerdings nicht auf die Art und Weise, wie das in den meisten westlichen Medien berichtet wird. Damit hat deutlich eine andere Phase in dem seit Langem vorliegenden Entwurf für das neue Greater Middle East Project (Größeres Nahost-Projekt) des US-Außenministeriums, das zuerst 2003 nach der US-Invasion in den Irak von Condoleezza Rice bekanntgegeben worden war, eingesetzt.
 
Von welcher genauen Art ist die offensichtlich überraschende Zusammenarbeit der Regierung Obama mit Putins Russland, um die politische Landkarte Syriens in den Grenzen von vor dem Sykes-Picot-Abkommen oder zumindest in einer den heutigen Verhältnissen entsprechenden Annäherung an diese neu zu ziehen? Wird die russische Unterstützung für die neu ausgerufene, von den Kurden beherrschte Föderation Nordsyriens schon bald zu einem Groß-Kurdistan führen, das die Kurden aus der Türkei, Syrien, dem Irak und dem Iran vereinigt? Und welche Bedeutung hat der Besuch des US-Verteidigungsministers in den letzten Tagen in Syrien, bei dem er die militärischen Erfolge der syrischen Kurden lobte?
 
In der geopolitischen Landschaft des Nahen Ostens kommt es offensichtlich gerade zu sehr großen tektonischen Verschiebungen. Die Frage ist, worauf laufen sie hinaus?

 

 

500 Jahre Krieg
 
Der ethnischen kurdischen Bevölkerung wurde als Folge der gezielten Aufteilung des zerfallenden Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg vonseiten der Briten und Franzosen die nationale Souveränität bewusst verweigert. Die kurdische Kultur reicht etwa 2500 Jahre noch bis in die Zeit vor der Entstehung des Islams und des Christentums zurück. Ethnische Kurden sind keine Araber, auch keine Turkvölker. Sie sind Kurden. Heute sind sie überwiegend Sunniten. Doch die ethnisch kurdische Bevölkerung, etwa 35 Millionen an der Zahl, ist auf vier benachbarte Staaten aufgeteilt.
 
Kämpfe mit den Türken, die während der Seldschuken-Dynastie in der Mitte des 12. Jahrhunderts aus den Steppen Zentralasiens eingedrungen waren, führten sie dauernd und mit schwankendem Erfolg. Im 16. Jahrhundert bildeten die kurdischen Gebiete das Schlachtfeld der Kriege zwischen den Türken und dem Persischen Reich. Die Kurden waren die Verlierer, ähnlich wie die Polen im letzten Jahrhundert oder davor. Im Jahre 1514 bot der türkische Sultan den Kurden weitreichende Freiheiten und die Autonomie an, wenn sie sich entschlössen, dem Osmanischen Reich nach dem Sieg der Osmanen über die persische Armee beizutreten. Den Osmanen dienten die Kurden als Puffer gegen eine mögliche künftige Invasion der Perser.

 

Der Frieden zwischen dem türkischen Sultanat und dem kurdischen Volk währte bis ins 19. Jahrhundert. Dann, als der türkische Sultan Anfang des 19. Jahrhunderts beschloss, die Kurden in seinem Reich zu zwingen, ihre Autonomie aufzugeben, setzten die Konflikte zwischen Kurden und Türken wieder ein. Die osmanischen Truppen, von Deutschen, darunter von Helmuth von Moltke beraten, führten brutale Kriegszüge, um die unabhängigen Kurden zu unterjochen. Kurdische Aufstände gegen das zunehmend bankrotte und brutale türkisch-osmanische Sultanat setzten sich bis in den Ersten Weltkrieg hinein fort. Sie kämpften für einen eigenen, von Konstantinopel unabhängigen Kurdenstaat.

 

Im Jahr 1916 forderte die geheime anglo-französische Vereinbarung – »Sykes-Picot« genannt – für die Nachkriegszeit die Aufteilung von Kurdistan. In Anatolien schloss ein traditioneller religiöser Flügel des kurdischen Volks ein Bündnis mit dem türkischen Führer Mustafa Kemal, dem späteren Kemal Atatürk, um die Vorherrschaft der christlichen Europäer zu verhindern. Kemal wandte sich bei der Suche nach Unterstützung in seinem Krieg zur Befreiung der modernen Türkei von den europäischen Kolonialmächten, vor allem von den Briten und Griechen, an die kurdischen Stammesführer. Die Kurden kämpften im türkischen Unabhängigkeitskrieg Seite an Seite mit Kemal, um das besetzte Anatolien zu befreien und 1922 eine von der britisch-griechischen Besatzung unabhängige Türkei zu schaffen. Die Sowjets unterstützten Atatürk und die Kurden gegen die britisch-griechische Allianz. Im Jahr 1921 hat Frankreich eine der vier kurdischen Regionen Syrien eingegliedert, das damals zusammen mit dem Libanon, dem Sykes-Picot-Abkommen entsprechend, französische Kriegsbeute war. Im Jahr 1923 erkannten die europäischen Mächte auf der Friedenskonferenz in Lausanne formell Atatürks Türkei an, die nur noch ein winziger Teil des Osmanischen Reichs von vor dem Krieg war. Den größten Teil der kurdischen Bevölkerung in Anatolien lieferten sie an die neue, unabhängige Türkei aus, ohne ihnen ihre Autonomie oder ihre Rechte zu garantieren. Die iranischen Kurden lebten in einem Zustand ständiger Konflikte und Widerstände gegen die Regierung des persischen Schahs.

 

Schließlich lebte die vierte Gruppe der Kurden in der neuen, vom Sykes-Picot umrissenen britischen Domäne namens »Irak«. Dort gab es in und um Mossul und Kirkuk Erdöllagerstätten. Das Gebiet wurde sowohl von der Türkei als auch von Großbritannien beansprucht, während die Kurden ihre Unabhängigkeit forderten. Im Jahr 1925 verstand es Großbritannien, ein Völkerbundsmandat über den ölreichen Irak zu bekommen, zu dem die kurdischen Gebiete gehörten.
 
Die Briten versprachen den Kurden, ihnen eine autonome Regierung zu erlauben. Das war ein weiteres von den Briten gebrochenes Versprechen in der düsteren Geschichte ihrer Kolonial-Abenteuer im Nahen Osten. Bis Ende 1925 war das Land der Kurden, das seit dem 12. Jahrhundert als »Kurdistan« bekannt war, zwischen der Türkei, dem Iran, dem Irak und Syrien aufgeteilt worden. Man hatte ihnen zum ersten Mal in 2500 Jahren ihre eigene kulturelle Selbstständigkeit geraubt.

 

 

Rätselhaftes zeitliches Zusammenfallen oder kluger Schachzug?
 
Nach einer solchen Geschichte des Verrats und der Kriege zur Unterdrückung oder Vernichtung ihres Volkes ist es verständlich, dass die syrischen Kurden heute versuchen, die Vorteile ihrer sehr wichtigen militärischen Rolle im Kampf gegen den IS in Nordsyrien an der türkischen Grenze auszunutzen. Jedoch scheint es, bei der sehr fraglichen Zukunft Baschar al-Assads und seines einheitlichen syrischen Staates, für die syrischen Kurden in Rojava sehr leichtsinnig zu sein, ihre Autonomie auszurufen und einen Zweifrontenkrieg gegen Damaskus und gegen Erdoğans Militär zu riskieren. Dieses führt bereits einen brutalen Krieg gegen ihre kurdischen Vettern in der Türkei jenseits der Grenze. Assad hat die Ausrufung der kurdischen Autonomie nicht anerkannt und ist angeblich ihr gegenüber sehr abgeneigt. Es gibt Berichte über Zusammenstöße zwischen Einheiten der kurdischen Volksverteidigung YPG und Truppen der Syrischen Arabischen Armee Assads.
 
An dieser Stelle müssen wir wieder auf Wladimir Putins überraschende Ankündigung vom 15. März zurückkommen, in der er den teilweisen Rückzug der russischen Militärpräsenz in Syrien bekanntgegeben hat.

 

 

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Die Ausrufung eines autonomen von Kurden beherrschten Gebiets entlang der türkischen Grenze mit Unterstützung Moskaus bedeutet eine größere geopolitische Verschiebung in der syrischen Situation.
 
Am 7. Februar dieses Jahres fand ein von den westlichen Medien wenig beachtetes merkwürdiges Ereignis statt. Die syrischen Kurden, vertreten durch die Demokratische Einheitspartei (PYD), ihre wichtigste politische Organisation, wurden von Russland willkommen geheißen, ihre erste Auslandsvertretung in Moskau zu eröffnen. An der Eröffnungszeremonie nahmen Beamte des russischen Außenministeriums teil. Wenig bekannt ist die Tatsache, dass Russlands positive Beziehungen zu den Kurden weit über zwei Jahrhunderte zurückreichen. Seit 1804 spielten Kurden eine wichtige Rolle in Russlands Kriegen gegen Persien und die osmanische Türkei.
 
Die Türkei und Washington hatten sich geweigert, die PYD zur Teilnahme an den zurzeit in Genf laufenden syrischen Versöhnungsgesprächen einzuladen, obwohl die Russen darauf bestanden hatten, diese als legitime syrische Anti-IS-Opposition, die eine entscheidende Rolle beim Sieg über den IS und über die anderen Terrororganisationen im Norden gespielt hatte, daran zu beteiligen. Andererseits weigert sich Washington, Erdoğan und den türkischen Forderungen entgegenzukommen, wonach Washington jede Unterstützung für die syrischen Kurden abbrechen solle. Washington treibt ein doppeltes Spiel, in das Russland anscheinend eingegriffen hat. Deutet das auf einen umfassenden gemeinsamen Plan zwischen Washington und Moskau im Sinne einer »Bosnien-Lösung« für Syrien hin?
 
Zu diesem Zeitpunkt sieht es eher noch nach einem raffinierten Judotrick Putins aus. Dieser ist selbst ein alter Judomeister mit einem 8. Dan und sitzt als Ehrenpräsident in der Europäischen Judo Union. Es sieht so aus, als habe Russland trotz seines Luftwaffen- und Truppen-Abzugs jetzt gerade eine erste »Flugverbotszone« über Syrien verhängt. Eine solche war noch vor fünf Monaten das am meisten angestrebte Ziel des US-Pentagons und der Türkei, und zwar als notwendiger Schritt zum Sturz von Assad und der syrischen Regierung und um eine schwache Regierung zu bilden, die einem balkanisierten Syrien vorsteht. Nur verfolgt die russische Flugverbotszone ein ganz anderes Ziel – nämlich die syrischen Kurden vor einem möglichen militärischen Angriff der Türken zu schützen.
 
Die Schaffung der 250 Meilen langen, autonomen Region der von Kurden dominierten Föderation Nordsyrien versiegelt die durchlässige türkische Grenze, über die der IS und andere Terrorgruppen ständig von den türkischen Streitkräften und dem Nachrichtendienst MIT verstärkt wurden, um den IS-Krieg in Gang zu halten. Eine De-facto-Flugverbotszone der Russen beendet das.
 
Während Russland einen großen Teil der Flugzeuge seiner Luftwaffe in den letzten Tagen abgezogen hat, hat Moskau deutlich gemacht, dass es seinen langjährigen Marinestützpunkt in Tarsus und den Luftwaffenstützpunkt Hmeimim nahe Latakia, ebenso wie die technisch hochentwickelten S-400-Flugabwehrbatterien beibehalten wird, um alle Luftangriffe aus der Türkei oder Saudi-Arabien auf die kurdische autonome Region in Syrien gewaltsam zu unterbinden.
 
Ebenso wenig hat Russland seine Jagdflugzeuge für den Luftkampf – die SU-30SMs und SU-35s – von Hmeimim abgezogen. Auch hat Russland in den ersten Wochen der russischen Intervention eindrucksvoll gezeigt, dass seine SU-34 Langstreckenbomber sind und, wenn nötig, vom Süden Russlands aus Ziele in Syrien angreifen können. Das gilt auch für russische Marschflugkörper mit einer Reichweite von 1500 Kilometern (Kalibr) und 4500 Kilometern (X-101). Sie können vom Kaspischen Meer aus eingesetzt werden.

 

Die kurdische PYD und ihr bewaffneter Arm in Syrien haben aggressiv den Umfang des von ihnen kontrollierten Gebiets entlang der syrisch-türkischen Grenze ausgeweitet. Ankara ist dadurch alarmiert worden, um es vorsichtig auszudrücken. Die PYD ist ein Nebenarm der Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkerên Kurdistanê) oder PKK, die einen blutigen Krieg um das eigene Überleben gegen das türkische Militär führt.
 
Russland anerkennt sowohl die PKK, die es während des Kalten Krieges gegen das NATO-Mitglied Türkei unterstützt hatte, als auch die syrische PYD. Die PKK wurde von einem türkischen Kurden namens Abdullah Öcalan im Jahr 1978 gegründet. Sie wurde von Anfang an von der Sowjetunion und von Russland unterstützt. Die russisch-kurdischen Beziehungen reichen bis ins ausgehende 18. Jahrhundert zurück. Während der 1980er-Jahre, in der Zeit des Kalten Krieges, war Syrien unter Hafiz al-Assad, Baschars Vater, ein sowjetischer Satellitenstaat und der wichtigste Unterstützer der PKK. Syrien stellte für deren Gruppen sichere Stützpunkte im Land bereit.

 

In Syrien hat der bewaffnete Flügel der PYD in den letzten Monaten russische Waffen und russische Luftunterstützung erhalten, um den Umfang an Territorium unter seiner Kontrolle entlang der syrisch-türkischen Grenze offensiv auszudehnen. Daher ist es wenig überraschend, dass die PYD Moskau und nicht Washington ausgewählt hat, um ihre erste Auslandsvertretung zu eröffnen.

 

Seitdem Erdoğan vor den Wahlen 2015 frühere Friedensverhandlungen mit den Kurden im türkischen Anatolien abgebrochen und militärische Operationen gegen sie eingeleitet hatte, hat die PKK ihren Aufstand gegen Ankaras Streitkräfte über die Grenze zum neu ausgerufenen, autonomen, von Kurden dominierten Gebiet in Syrien hinweg wieder aufgegriffen. PKK-Aktivisten haben in ihrem eigenen Gebiet in Anatolien nahe der Grenze zu Syrien die kurdische Selbstverwaltung ausgerufen. PKK-Kämpfer unterhöhlen die Städte, ziehen Schützengräben und greifen türkische Sicherheitskräfte mit allem an, was ihnen von Scharfschützen, raketenangetriebenen Granaten bis hin zu improvisierten Sprengkörpern zur Verfügung steht. Die PKK hatte den Zusammenbruch der Herrschaft Saddam Husseins nach 2003 genutzt, um ihr Exilhauptquartier im sicheren Kandil-Gebirge im Norden des Irak, im Kurdengebiet dieses Landes, einzurichten.

 

Die PKK und Russland bilden eine strategische Synergie. Seitdem die Türkei Ende des vergangenen Jahres im syrischen Luftraum ein russisches Kampfflugzeug abgeschossen hatte, hat Russland seine Politik dramatisch umgestülpt, um die Türkei zu isolieren und einzuschließen. Das bedeutet, dass heute die PKK und ihre syrischen Verbündeten zusammen mit Moskau in dem IS und in der Türkei ihre gemeinsamen Feinde sehen. Demgegenüber müssen sich die USA wie auf Eierschalen bewegen, weil die Türkei ein strategisch wichtiges NATO-Mitglied ist. In Zusammenarbeit mit den Kurden kann Moskau den Krieg gegen den IS, der nicht dem Waffenstillstandsabkommen unterliegt und so ein gültiges Ziel abgibt, vorantreiben und damit zugleich die Türkei bestrafen. Das wiederum erlaubt es Putin, die USA erneut in Syrien auszumanövrieren, eine Spaltung in den türkisch-amerikanischen Beziehungen hervorzurufen und die NATO zu schwächen.
 
 
Israels Präsident trifft Putin
 
Zu diesem bereits sehr komplexen Gefüge kommt noch Israel hinzu. Die Beziehungen zwischen Moskau und Tel Aviv sind in den letzten Monaten offener als die zwischen Netanjahus Regierung und der Obama-Administration. Unmittelbar nach Beginn des Einsatzes russischer Truppen in Syrien im September letzten Jahres eilte Netanjahu nach Moskau, um einen Koordinierungsmechanismus zwischen den russischen Truppen in Syrien und dem israelischen Militär einzurichten.

Am 15. März reiste Israels Präsident, Reuven Rivlin, nach Moskau, um Wladimir Putin zu treffen und Syrien und den Hintergrund des russischen Truppenabzugs zu erörtern. Nach Berichten israelischer Medien diskutierten die beiden über die Fortsetzung der Koordination zwischen Jerusalem und Moskau in Bezug auf militärische Aktivitäten in Syrien. Bei den Gesprächen mit Premierminister Medwedew sprach die russische Regierung auch über die vermehrte Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte aus Israel, um die unter Embargo stehenden türkischen Importe zu ersetzen. Rivlin erwähnte ebenso die Anleihen, die eine Million heutige Bürger Israels russischer Herkunft vergeben haben. Die Gespräche Rivlins in Moskau wurden von Premierminister Netanjahu befürwortet, der selbst bald Putin treffen will, um die Syrienfrage und Handelsbeziehungen zu diskutieren. Ein israelischer Beamter sagte israelischen Medien: »In den letzten paar Monaten standen wir auf höchster Ebene in regelmäßigem Kontakt mit den Russen, und der wird fortgesetzt.«

 

 

Ein russisch-israelisch-kurdisches Bündnis?
 
Wie die Kurden im Irak führen auch die Kurden in Syrien zurzeit hinter den Kulissen Gespräche mit der Regierung Netanjahu, um Beziehungen anzubahnen. Laut einem Interview mit der Times of Israel von Professorin Ofra Bengio, Leiterin des Programms Kurdische Studien an der Universität Tel Aviv, sind die syrischen Kurden bereit, zu Israel ebensolche Beziehungen wie zu Russland zu unterhalten.
 
Bengio sagte mit Bezug auf Führer der syrischen Kurden: »Ich weiß von einigen, dass sie inoffiziell in Israel waren, dies aber nicht bekanntgemacht haben.« Sie selbst sagte von sich, sie habe persönlich Kontakte zu syrischen Kurden hergestellt, die gerne signalisieren möchten, dass sie zu Beziehungen bereit sind. »Das geschieht wie bei den Kurden im Irak hinter den Kulissen. Sobald diese sich stärker fühlen, können sie daran denken, die Beziehungen aufzudecken«, sagte sie. Im Jahr 2014 erklärte Netanjahu: »Wir sollten … das kurdische Streben nach Unabhängigkeit unterstützen«, und fügte hinzu, die Kurden seien »ein Volk von Kämpfern, die politisches Engagement bewiesen haben und der Unabhängigkeit wert sind«.

 

Als die irakischen Kurden 2015 Bagdad die Stirn boten und begannen, das Öl aus ihrem kurdischen Gebiet direkt zu verkaufen, wurde Israel ihr Hauptabnehmer. Ihre Öleinnahmen erlaubten es den irakischen Kurden, ihren Kampf zur Vertreibung des IS aus ihrem Gebiet zu finanzieren. Offensichtlich geschieht mehr zwischen Moskau, Tel Aviv und den neu proklamierten, autonomen syrischen Kurden, als den gewöhnlich auf den Vorgarten gerichteten Augen auffällt. Nach einem Bericht auf einem Blog der Erdgasindustrie sind Israel und Russland dabei, sich in etwa auf eine gemeinsame Vorgehensweise im östlichen Mittelmeerraum zu einigen.
 
Israel solle zustimmen, die Gespräche mit dem unberechenbaren Erdoğan der Türkei über den Gasverkauf aus den riesigen israelischen Erdgasvorräten an die Türkei zu beenden. Dieser würde das russische Gas der Gazprom verdrängen, das trotz der Sanktionen immer noch 60 Prozent der türkischen Gasversorgung stellt. Der Bericht stellt fest, dass das israelische militärische Establishment »die militärische Zusammenarbeit mit Russland den möglichen israelischen Gasverkäufen an die Türkei vorzieht, sollten diese den russischen Interessen schaden und Putin ärgern«.

 

Die Verhandlungen zwischen Israel und der Türkei über israelische Waffen- und Gaslieferungen wurden am 14. März von US-Vizepräsident Joe Biden bei seinem Treffen mit Netanjahu in Tel Aviv unterstützt. Nach israelischen Presseberichten übte Biden Druck auf Netanjahu aus, ein Abkommen mit der Türkei zu schließen und den sechsjährigen Stillstand bei den türkisch-israelischen Beziehungen zu beenden. Laut Haaretz sagte Biden zu Netanjahu, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bestrebt sei, ein Versöhnungsabkommen mit Israel zu schließen, und sagte, er, Biden, wäre bereit, »in jeder möglichen Weise dazu beizutragen«, damit eine Einigung zwischen den beiden Verbündeten der Vereinigten Staaten zustande kommt.

 

 

Kerrys Plan B?
 
Wenn Putin es jetzt tatsächlich geschafft hat, Netanjyahu dazu zu bringen, die Verhandlungen über eine israelisch-türkische Annäherung zu Ggunsten einer engeren Zusammenarbeit mit Russland auf Gebieten, die noch nicht bekannt gegeben wurden, abzubrechen, würde das einen gigantischen Schraubenschlüssel in die Pläne der USA für Syrien und für den gesamten Nahen Osten werfen, sowie in die US-Pläne, Russland zu isolieren und zu schwächen.
 
Am 23. Februar machte US-Außenminister John Kerry vor dem Foreign Relations Committee (Außenpolitischen Ausschuss) des Senats eine schizophrene Aussage. Er sagte zunächst, Russland habe eine entscheidende Rolle beim In-Gang-setzen der Genfer und anderer Friedensgespräche gespielt, ebenso beim Zustandekommen des Atomabkommens mit dem Iran.

 

Dann fügte er dem ohne zu zögern die merkwürdige Aussage hinzu:
 
»Es findet zurzeit eine wichtige Diskussion über einen Plan B für den Fall statt, dass wir am [Verhandlungs-]- Tisch keinen Erfolg haben.« Kerry führte das nicht weiter aus. Er deutete nur an, dass es dabei auch um die Balkanisierung Syriens in autonome Regionen gingehe, und erklärte, es könnte »zu spät sein, um Syrien als Ganzes zusammenzuhalten, wenn wir noch viel länger abwarten«.
 
Kerrys »Plan B« war angeblich ein Bericht der Denkfabrik Brookings Institution, den Michael O’Hanlon vor einigen Jahren verfasst hatte. Dieser hat seinen Plan vor kKurzem in den US-Medien wieder aufgewärmt. Er fordert die Aufteilung Syriens in eine Konföderation mehrerer Sektoren, nämlich in »einen weitgehenden Bereich der Alawiten (Assads eigener Sekte) entlang der Mittelmeerküste, in einen weiteren kurdischen Bereich entlang der nördlichen und nordöstlichen Korridore in der Nähe der türkischen Grenze, in ein drittes hauptsächlich von Drusen bewohntes Gebiet im Südwesten, in einen vierten, sich weitgehend aus Sunniten zusammengesetzten Sektor, und schließlich in eine zentrale Zone vermischter Gruppen im wichtigsten Bevölkerungsgürtel des Landes von Damaskus bis Aleppo. Die letztgenannte Zone dürfte wahrscheinlich schwierig zu stabilisieren sein. Doch bei den anderen sollte das vielleicht nicht so schwer fallen. Bei einem solchen Arrangement müsste Assad letztlich in Damaskus von der Macht zurücktreten. Als Kompromiss könnte er vielleicht Anführer des alawitischen Gebiets bleiben. Ihn würde eine schwache Zentralregierung ablösen.«

 

Auf die Frage nach Kerrys Verweis auf einen »Plan B« der USA antwortete Putins Sprecher Dmitri Peskow, dass sich Russland im Umgang mit der Situation in Syrien derzeit auf den »Plan A« konzentriere.
 
In Anbetracht der janusköpfigen Politik der USA, welche die Autonomie der syrischen Kurden unterstützt und wieder nicht unterstützt, ihrer Reden über einen Plan B zur Balkanisierung Syriens in eine Reihe schwacher Regionen im Stil Bosniens, ihrer Unterstützung für eine Versöhnung Erdoğans mit Israel, werfen die jüngsten russischen Maßnahmen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben.
 
Ist Russland bereit, sein Wort in Bezug auf die versprochene Lieferung seiner verbesserten S-300- Flugzeugabwehrsysteme an den Iran und die künftigen Beziehungen zu Teheran einschließlich der Integration des Irans in den wirtschaftlichen Komplex China-Iran-Russland im Rahmen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und beim Ausbau der Neuen EurasischenWirtschaftlichen Seidenstraße zu brechen, um ein Abkommen mit Israel gegen die Türkei zu schließen, wie einige israelische Medien unterstellen?

 

Wenn das nicht der Fall ist, was ist Putins eigentliche geopolitische Strategie nach dem militärischen Abzug aus Syrien, mit seiner Unterstützung für die kurdische Autonomie und den gleichzeitigen Gesprächen mit Rivlin? Wird eine große Falle mit Köder für Erdogğan aufgestellt, damit er verrückt wird und eine Invasion in die jetzt autonome kurdische Region entlang der Grenze zu Syrien unternimmt? Soll das die Bühne vorbereiten, auf der die Türkei gezwungen wird, auch der Autonomie für die türkische PKK und der anderen Kurden zuzustimmen? Entspricht das auch der Absicht Washingtons?
 
Klar ist nur, dass sich alle Spieler in diesem großen Spiel um den Energiereichtum Syriens und des gesamten Nahen Ostens an der Täuschung von allen und jedem engagieren. Syrien ist keineswegs einem ehrlich ausgehandelten Frieden nahe.

 

 

Quelle: KOPP