Seit Sonntag dürfen die Ukrainer ohne Visum in die EU einreisen. Doch die Urlaubsträume vieler Bürger scheitern an Geldmangel, wie die österreichische Zeitung „Die Presse“ schreibt.
Am 11. Mai verkündete der ukrainische Staatspräsident Petro Poroschenko im Fernsehen den Zuschauern die lang erwartete Abschaffung der Visumspflicht bei Reisen in die Europäische Union. In einem Fernsehinterview bezeichnete Poroschenko die Visabefreiung als „endgültige Trennung vom russischen Imperium“ und die Rückkehr der Ukraine zu „ihrem historischen Platz im Kreis der europäischen Staaten“.
Um die 90 Tage visafreien Aufenthalt in Staaten des Schengenraums nutzen zu können, benötigt man einen neuen, biometrischen Pass. Diese Entscheidung des Europäischen Rates löste in der Ukraine einen Run auf die Behörden aus, so das Blatt.
Die 58-jährige Kiewer Musikpädagogin Olga Stetsenko habe beschlossen, den Präsidenten beim Wort zu nehmen und die neue Reisefreiheit zu testen, und musste für den biometrischen Pass knapp 1000 Hrywnja, 34 Euro, ein Viertel eines offiziellen Lehrergehalts, zahlen.
„Jetzt kann ich fast ganz Europa bereisen. Theoretisch, “ sagte Stetsenko gegenüber „Der Presse“.
Praktisch seien dennoch für die Mehrheit der Ukrainer ausgedehnte Reisen vor allem in hochpreisige westeuropäische Länder kaum leistbar.
Die EU-Mitglieder treibe dennoch die Sorge vor Arbeitsmigranten oder Auswanderern aus der Ukraine um. Aus diesem Grund haben die EU-Staaten finanzielle Hürden eingeführt, die Ukrainer beim Grenzübertritt bewältigen müssen, schreibt das Blatt. Rumänien, Bulgarien und Griechenland verlangen den Nachweis von 50 Euro Budget pro Reisetag; Spanien gar 70,77 Euro. Österreich hat keinen Tarif festgesetzt, jeder Fall unterliege „der Einzelprüfung“, erfuhr „Die Presse“ aus der österreichischen Botschaft in Kiew.
Ein „Visumsfrei“-Plakat hängt auch über der Hauptstraße in der kleinen Donbass-Stadt Pokrowsk. Doch für viele Bewohner hier liege Russland geografisch und gefühlt näher, EU-Europa sei weit entfernt.
„Hier geht es nicht ums Herumfahren, sondern ums Überleben“, sagt der 29-jährige Stadtbewohner Nikolaj Iwanowitsch, der tagsüber Handys repariert und abends als Rapper auftritt, dem Blatt.
Er würde gern einmal nach Westen reisen, doch vorerst sei ein Urlaub, egal wohin, ein Traum. Der Jungvater habe eine Familie zu versorgen und beklage sich über die Strom-, Gas- und Wassergebühren, die die Ukraine auf Geheiß der internationalen Kreditgeber erhöhen musste.
Poroschenko hatte am 24. Mai dem Ministerkabinett die Idee vorgelegt, den Donbass-Bewohnern statt biometrischer Reisepässe deren Vorgängermodell auszustellen und damit das visafreie Einreisen in die EU zu verweigern. Die Europäische Union hatte sich gegen die neue Idee gestemmt.
Der Dialog zwischen der EU und der Ukraine über die Liberalisierung des Visumregimes wurde seit dem Jahr 2008 geführt. Anfang April hatte das Europaparlament die Einräumung des visafreien Regimes für die Ukraine mit 521 von 751 Stimmen endgültig gebilligt.
Das visafreie Regime ermöglicht die freie Bewegung auf dem Territorium der Schengen-Zone, die 22 Mitgliedsländer der EU und vier Nicht-EU-Länder (Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz) sowie vier Länder, die Kandidaten für die Aufnahme in die Schengen-Zone sind (Bulgarien, Zypern, Rumänien und Kroatien,), umfasst.
Der Aufenthalt der ukrainischen Bürger in den Mitgliedsländern der Schengen-Zone wird nur für 90 Tage innerhalb von 6 Monaten erlaubt, dabei ist es nicht nötig, alle genehmigten Tage sofort zu nutzen. Das visafreie Regime genehmigt keine Erwerbstätigkeit in den EU-Ländern. Als Zweck eines kurzen Aufenthalts kann Tourismus, Business, Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen, Besuch von Verwandten und Familienangehörigen dienen.
Quelle: Sputnik