Russland und EU tüfteln zusammen an Zukunftsjet

Russland und die EU haben ein Zukunftsprojekt der zivilen Luftfahrt gestartet: Gemeinsam wollen russische und europäische Fachleute Überschallflüge auch über dichtbesiedelten Gegenden technisch möglich machen. Dabei treten die beiden Partner gemeinsam in Konkurrenz zu den USA.

Dass in der zivilen Luftfahrt keine Überschallflugzeuge mehr fliegen, liegt nicht allein an den hohen Kosten von Überschallflügen. Im Gegenteil, der Markt dafür ist definitiv da: „Das wären kleinere Flugzeuge, für 12 bis 14 Fluggäste, also Business-Jets für Geschäftsreisende. Wenn wir solche Flugzeuge heute schon hätten, würden sie auch einen Abnehmer finden“, sagte Sergej Tschernyschew, Generaldirektor des russischen Instituts für Aero- und Hydrodynamik TSAGI, im Sputnik-Interview.

Das Problem ist technischer Natur, denn Überschallflugzeuge wie die russische Tu-144 oder die französische Concorde verursachen den sogenannten Überschallknall – im Fachjargon: Sonic Boom. Die Menschen an Bord der Maschine kriegen von diesem Lärm nichts mit: Sie fliegen dem buchstäblich davon. Für die vielen Menschen am Boden aber ist er eine Zumutung. Wie ein Kanonendonner kommt der Knall bei ihnen an. Deshalb sind Überschallflüge über dichtbesiedelten Gebieten verboten. Doch gerade über solchen Gegenden verlaufen die lukrativsten Flugrouten.

Es gilt also, das Problem technisch zu lösen. Und genau dafür haben Russland und die Europäische Union letzte Woche in Paris das Rumble-Projekt ins Leben gerufen.

„Die Luftfahrttechnologie tritt ja nicht auf der Stelle. Unser Ziel ist es festzustellen, ob wir ohne diesen Lärm mit Überschallgeschwindigkeit fliegen können. Das heißt, ganz ohne Lärm wird es natürlich nicht gehen, das liegt nun mal in der Natur der Sache. Aber die Lärmemission muss für die Menschen erträglich sein“, sagte Tschernyschew.

Rumble – das steht für „Regulation and Norm for Low Sonic Boom Levels“. Das russische Industrie- und Handelsministerium sowie die EU-Kommission finanzieren das Projekt je zu 50 Prozent. Sechs Jahre lang wurde das neue Projekt vorbereitet. Dass die EU dabei mit Russland zusammenarbeitet, liegt auch an deren Absicht, den technischen Rückstand zu den USA in diesem Bereich schnell aufzuholen.

„Im Grunde geht es darum, die Anforderungen an ein Luftfahrzeug der neuen Generation zu bestimmen. Vorerst geht es um grundlegende Fragen, um die Ausarbeitung von Normen“, sagt der Fachmann. Doch habe das Projekt durchaus das Zeug dazu, dann auch in die Entwicklung eines konkreten Flugzeugs überzugehen. Es sei ja kein Zufall, dass kein Beamter das Vorhaben koordiniert, sondern ein Experte aus dem Airbus-Konzern und ein Fachmann vom russischen Flugzeugbauer Suchoi.

„Es ist natürlich schwer, mit den US-Amerikanern zu konkurrieren. Deswegen macht ein gemeinsames Projekt absolut Sinn: Man teilt sich die Kosten, die Finanzierung, die Risiken. Wir sind aber inzwischen an einem Punkt, an dem es auch ums Geschäft geht: Wer als erste so ein Flugzeug baut, der wird auch die Nische einnehmen – vor allem in der Geschäftsluftfahrt“, sagte Sergej Tschernyschew.

Das neue Flugzeug würde unsere Vorstellungen von der Luftfahrt auf den Kopf stellen, ist der Fachmann überzeugt: „Es würde nur von einem Piloten gesteuert werden, die Bordtechnik wäre in höchstem Maße intelligent. Und auch die Bauweise wäre absolut neu – keine Längs- und Querträger mehr, sondern ein Gitter: eine innovative Entwicklung russischer Luftfahrtingenieure. Ein Gitter aus Verbundwerkstoffen ist viel belastbarer und das Flugzeug dabei deutlich leichter.“

Eine politische Dimension habe das Projekt natürlich auch, sagt Tschernyschew:

„Solche Vorhaben sind jene Brücke, die die guten Beziehungen zwischen unseren Ländern auch unter schwierigen politischen Bedingungen erhalten kann – bis zu jener Zeit, wenn die Sanktionen endlich abgeschafft werden.“

Quelle: Sputnik

loading...