IS-Reisebüro: So schickte „Nummer Eins des Dschihad“ deutsche Kämpfer nach Syrien

Der in Syrien festgenommene Oguz G., Propagandist für die islamistische Terror-Organisation „Islamischer Staat“ (IS), bewegte sich im Umfeld des Hasspredigers Abu Walaa. „Dieser betrieb ein Reisebüro in Duisburg“, so Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall. Sputnik führte Gespräche mit Experten über aktuelle IS-Aktivitäten in Deutschland.

Die Aufgaben von Propagandisten für den IS und andere terroristische Gruppierungen sieht die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall als vielfältig an. „Da gibt es nach meiner Einschätzung welche, die das Marketing sozusagen betreiben“, erklärte sie gegenüber Sputnik. „Andere rekrutieren. Und wieder andere sorgen für das Geld.“ Da gebe es durchaus eine Spezialisierung, meinte die Analystin, die von persönlichen Fähigkeiten und auch den Rahmenbedingungen abhinge.

So wurde vor wenigen Tagen der deutsche IS-Propagandist, Oguz G. (34) aus Hildesheim (Niedersachsen) von der kurdischen Miliz festgenommen. Er arbeitete als Grafik-Designer und verbreitete von ihm selbst erstellte Grafiken sowie dazugehörige Dschihad-Propaganda auf verschiedenen sozialen Medien. Er soll laut Sicherheitsbehörden wohl auch in Kontakt zum deutschen IS-Prediger Abu Walaa gestanden haben. Abu Walaa steht seit Sommer in Celle vor Gericht, die Bundesanwaltschaft sieht in ihm „die Nummer Eins“ des IS in Deutschland.

Einmal Syrien – und nicht zurück

„Hat einer ein Reisebüro, wie der im Abu-Walaa-Prozess mitangeklagte Hassan Celenk aus Duisburg, so biete sich die Nutzung dieses beruflichen Zugangs an“, analysierte Herrmann-Marschall. Über solch ein Reisebüro sei es ohne weiteres möglich, als Tourismus getarnte Reisen von deutschen IS-Kämpfern in den Nahen Osten zu organisieren. „Andere Personen seien wegen Einbrüchen bereits verurteilt worden, wenn auch die Mittelflüsse zum IS dort nicht konkret nachgewiesen werden konnten. Wieder andere nutzten die Hinterzimmer ihrer Geschäfte für die Rekrutierung. Propagandisten im engeren Sinne übernahmen Aufgaben bei der medialen Verbreitung.“

Abu Walaa war vor seiner Verhaftung als „Multiplikator in der islamistischen Szene“ tätig, so Pädagogin und Gründerin der privaten Präventions-Initiative „extrem dagegen!“, gegenüber Sputnik. „Er ist jemand, der sehr viele Personen um sich scharen konnte und in der Lage war, die Szene sehr gut zu organisieren.“ So konnte er Kampagnen von Deutschland bis nach Syrien organisieren und prägen. Das von ihm betriebene Reisebüro nannte die Expertin „absolut unglaublich. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass das die Sicherheitsbehörden nicht bemerken. Findet da überhaupt Beobachtung statt?“

Gefährder frei: Wegen „Personalmangel“

In den letzten Tagen gab es weitere Schlagzeilen über IS-Aktivitäten in Deutschland. Erst jüngst hat die Polizei in Karlsruhe einen 29-jährigen Deutschen, mutmaßliches IS-Mitglied, festgenommen. Er habe nach Angaben der Generalbundesanwaltschaft mit einem Fahrzeug einen Anschlag auf den Schlossplatz der Stadt geplant. Davor habe er seit 2015 zunächst von Deutschland aus den IS unterstützt.

Als „tickende Zeitbombe und Parallele zum Fall Anis Amri“ bezeichnete Benjamin Jendro, Sprecher der Berliner Polizeigewerkschaft GdP, gegenüber Berliner Medien den Fall des Irakers Younis El-H. (vermutlich 22). Er wird vom Landeskriminalamt (LKA) Berlin als Gefährder eingestuft – und befindet sich aktuell auf freiem Fuß. Der im Mai Inhaftierte wurde vor wenigen Tagen vom Berliner Landesgericht wegen „Personalmangel“ freigelassen.

Wird Verbot gegen Salafisten neu aufgerollt?

Anfang der Woche musste das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein Verbotsverfahren um „Die Wahre Religion“, einer Organisation von Salafisten, neu aufrollen. Es geht hier um eine Organisation, die gerichtlich erwiesen für den Dschihad rekrutiert hatte. Auch unter Jugendlichen. Teils durch kostenlose Verteilung von Koran-Büchern an Schulen. Im November 2016 wurde die Organisation durch einen Beschluss des Innenministeriums verboten. Jetzt klagen zwei Islamisten in Leipzig gegen das Verbot.

„Es ist durchaus so, das sagen auch andere Experten, dass sich auch an Jugendliche im schulpflichtigen Alter gewandt wird“, kommentierte Ebel die IS-Strategie der Rekrutierung von Jugendlichen und Schülern. „Aber wenn man aufmerksam ist, kann man feststellen, dass islamistische Radikalisierung eben Richtung Schüler und Schülerinnen stattfindet. Man kann meines Erachtens da als Schule auch sehr, sehr viel tun. Die Schulen tun es aber nicht“, kritisierte sie.

Alexander Boos

Das komplette Interview mit Birgit Ebel (“extrem dagegen!”) zum Nachhören:

 

Quelle: Sputnik