Weiter Streit um S-400-Systeme für Ankara: „Der Westen empfindet Phantomschmerzen“

Die Nato-Kritik am türkischen Beschluss, russische S-400-Luftabwehrsysteme zu kaufen, hängt nach Ansicht eines russischen Orientalisten damit zusammen, dass der Westen seinen einstigen Einfluss vermisst. Ein anderer Experte beschäftigt sich mit der Frage, ob die Türkei auf den Deal verzichten könnte.

Orientalist Juri Sinin von der Moskauer Diplomaten-Uni MGIMO sagte in einem Gespräch mit Sputnik: „Nach dem Ende des Kalten Krieges haben die USA und der Westen im Allgemeinen ständig versucht, Russland mit allen Mitteln an der Zusammenarbeit mit Nahostländern wie Ägypten, Irak und so weiter zu hindern. Trotz dieser Versuche kooperieren wir mit diesen Ländern seit mehr als einem halben Jahrhundert. Der Westen empfindet indes nach wie vor Phantomschmerzen wegen seines nach den 1990er Jahren eingebüßten Einflusses in der Region.“

„In Bezug auf die Türkei, die der Nato angehört, wird argumentiert, eine militärtechnische Kooperation mit Russland sei mit einer Nato-Mitgliedschaft unvereinbar. Während des Kalten Krieges hatte das zwar gestimmt, die Zeit ist aber mittlerweile eine andere. Das Nordatlantische Bündnis muss sich daran irgendwie anpassen, ist aber vorerst offensichtlich nicht in der Lage, das zu tun“, so Sinin.

Die stellvertretende Nato-Generalsekretärin Rose Gottemoeller hatte kürzlich gemahnt, das russische S-400-System lasse sich nicht in die Raketenabwehr-Kapazitäten der Nato integrieren – und dies müsse bei Waffendeals mit Russland berücksichtigt werden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wies die Nato-Kritik zurück. „Diejenigen, die uns wegen des S-400-Ankaufs für die Terrorbekämpfung kritisieren, sollten sich selbst anschauen. Warum schweigen sie bezüglich der S-300-Systeme, die Griechenland hat? Uns sagen sie indes: ‚Das ist ein falscher Schritt.‘ Ist so Allianz und Solidarität möglich?“, so Erdogan vor Abgeordneten seiner AKP-Partei.

Der russische Turkologe Alexej Obraszow von der in Moskau ansässigen Higher School of Economics sagte der Nachrichtenagentur NSN, die Beziehungen mit den USA seien für die Türkei wichtig, auch die Nato-Solidarität spiele ihre Rolle. Vor diesem Hintergrund bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass die Türkei auf ihre beschlossenen S-400-Importe letztendlich verzichten werde.

„Andererseits häufen sich aber die Probleme der Türkei mit ihren westlichen Verbündeten, deshalb wäre sie vielleicht doch zu einem krassen Schritt bereit – wie etwa zu einem S-400-Ankauf trotz der Drohungen der USA. Zumal sich ihre sogenannten westlichen Verbündeten überhaupt nicht damit beeilen, die Türkei bei der Lösung regionaler und nationaler Probleme zu unterstützen. Ein Beleg dafür war etwa die Reaktion der Nato- und Koalitionsmitglieder auf jenen Putschversuch in der Türkei“, betonte Obraszow.

„Rein militärisch ist das S-400-System seinen Nato-Pendants überlegen – von seinem niedrigeren Preis ganz zu schweigen. Die Türkei wird versuchen, dies auszunutzen, um Präferenzen für sich selbst zu erzielen, ohne gegen die Prinzipien ihrer eigenen Sicherheit zu verstoßen“, prognostizierte der Experte. Der milliardenschwere S-400-Liefervertrag zwischen Russland und der Türkei war im vergangenen Jahr geschlossen worden.

Quelle: Sputnik