Der Begriff „Ehre“ spielt vor allem bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund eine übergeordnete Rolle. Häufig stammen sie aus patriarchalen Strukturen, in denen der Mann das Oberhaupt ist und die Frau nicht selten in eine Opferrolle gedrängt wird. Dem entgegen stellt sich das Berliner Projekt: „HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“.
Von Marcel Joppa
Junge Menschen mit Migrationshintergrund befinden sich häufig in einem Zwiespalt zwischen einer modernen deutschen Gesellschaft und dem eher traditionellen Hintergrund der Eltern. Die Fachstelle für Prävention von sexuellem Missbrauch in Berlin „Strohhalm e.V.“ hat deshalb ein Aufsehen erregendes Projekt auf den Weg gebracht. Es heißt „HEROES – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“. Die Idee dahinter: Junge Männer aus patriarchalen Strukturen zu trainieren, so Gruppenleiter Yilmaz Atmaca im Sputnik-Interview:
„Dieses Training dauert ungefähr ein Jahr. Dann gehen diese jungen Männer in Schulklassen und diskutieren mit Gruppen von Jugendlichen. Mit der Hilfe von vorbereiteten Rollenspielen sollen diese dann dazu bewegt werden, über die Rolle von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft nachzudenken.“
In diesen Rollenspielen geht unter anderem um die Themen Homosexualität, Gewalt in der Familie oder die Rolle von Mutter und Vater. Es werden Szenen aus dem Alltag nachgespielt, häufig überspitzt und auf den Punkt gebracht, so der Theaterpädagoge Atmaca:
„Beispielweise könnte dabei ein junger Mann durch seinen Freund unter Druck gesetzt werden, weil er sich nicht wie ein richtiger Mann verhalten hat. Das sind offene Szenen, die die Schülerinnen und Schüler dazu anregen sollen, darüber ihre Meinung zu äußern.“
Doch bevor die jungen Männer in Schulklassen Workshops anbieten dürfen, steht ein langer Weg. Die Ausbildung durch die HEROES-Mitarbeiter dauert mindestens ein Jahr.

Voraussetzung für die Teilnahme an den HEROES-Fortbildungen ist zu allererst, dass sich die jungen Männer freiwillig dafür melden und sich mit patriarchalen Strukturen aus eigener Erfahrung auskennen:
„In diesem einen Jahr geht es auch darum, wo diese Jugendlichen selbst stehen. Sie arbeiten an sich selbst und sollen sich selbst entdecken. Ein Jahr ist dabei nur der Einstieg. Wir haben junge Leute, die seit Jahren bei uns sind.“
Vor allem bei jungen Migranten herrscht vielfach Angst vor dem eigenen Kulturverlust. Traditionelle Denk- und Verhaltensmuster, die in den Herkunftsländern häufig bereits freier interpretiert werden, verstärken sich in Deutschland. Gerade diese Widersprüche machen es ihnen laut den HEROES-Ausbildern schwer, sich zum Beispiel mit Ausgrenzung oder Arbeitslosigkeit erfolgreich und ohne Aggressionen auseinanderzusetzen. Dabei hilft das Projekt doppelt: erst den freiwilligen Teilnehmern und später den Schülerinnen und Schülern. Im Klassenzimmer herrsche dann zunächst Skepsis, verrät Yilmaz Atmaca:
„Denn am Anfang machen unsere Jungs den Anschein, dass sie einer von ihnen sind, aber sie stellen einzelne Begriffe dann doch anders dar. Zum Beispiel Ehre, Gleichberechtigung, die Rolle der Geschlechter in Familie und Schule. Aber nach ungefähr zehn Minuten sind die Schüler offen, sie diskutieren oder übernehmen eine Rolle in unseren improvisierten Rollenspielen.“
Finanziert wird das Projekt von der Berliner Senatsverwaltung. Das sichert aber nur die Grundversorgung. Auf weitere Spenden ist HEROES dringend angewiesen. Viele Tausend Jugendliche wurden in der Vergangenheit bereits erreicht. Und das sei auch dringend notwendig, sagt Atmaca. Ein falsches Verständnis von „Ehre“ und dem Geschlechterbild gebe es nicht erst seit gestern:
„Es ist eigentlich ein älteres Problem. Durch die ganzen Geflüchteten ist das Thema auch wieder aktuell geworden. Aber wir hatten und haben in unserer Gesellschaft schon lange diese Probleme. Nur wurden sie bisher nicht angesprochen, weil man sie nicht publik machen wollte.“
HEROES aus Berlin-Neukölln ist deutschlandweit noch einmalig. Seit 2007 wird es von und für Migranten unterschiedlicher Herkunftsländer und Glaubensrichtungen angeboten. Das große Ziel: Die Jugendlichen sollen erkennen, dass es ihre eigene Entscheidung ist, sich von einem veralteten Weltbild zu verabschieden und in eine moderne Gesellschaft einzugliedern. Häufig ein großer Schritt, der aber – wie das Projekt zeigt – machbar ist.
Das Interview mit Yilmaz Atmaca zum Nachhören:
Quelle: Sputnik