Platzeck über Giftaffäre: „Erst erschießen, dann Beweise sammeln“

Der Vorsitzende des deutsch-russischen Forums, Matthias Platzeck, hat das Vorgehen Deutschlands gegenüber Russland scharf kritisiert. Gerade Deutschland habe eine historische Verpflichtung gegenüber diesem Land.

„Das heißt, wir sagen hier: Wir haben einen Verdächtigen, dem trauen wir das einfach zu. Also wird er erschossen. Danach gehen wir in die Beweisaufnahme. Das geht so nicht“, sagte Platzeck gegenüber dem „Stern“.

Er wünsche sich eine ganz andere Reihenfolge: „Das heißt, wir sagen: Wir sammeln die Beweise. Wir warten ab, was die Untersuchungen der Chemiewaffen-Kontrollkommission ergeben. Damit konfrontieren wir dann die Russen. Und dann diskutieren wir, was für Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind.“

Denn Deutschland habe innerhalb Europas eine ganz spezielle Verpflichtung gegenüber Russland, so der Politiker weiter:

„Das hat mit unserer Geschichte zu tun. Das hat mit den vielen Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges zu tun.“

Er wünsche sich, dass gerade Deutschland „die Rationalität, die Vernunft und die Sachlichkeit in diesen Diskussionsprozess wieder einziehen lasse“, der im Moment vorwiegend durch Emotion bestimmt werde. Die sich weiter drehende Eskalationsspirale könne „fürchterlich enden.“

Am vergangenen Montag hatten 18 EU-Länder sowie die USA, Kanada, die Ukraine, Albanien, Mazedonien und Norwegen im Zusammenhang mit dem „Fall Skripal“ die Ausweisung russischer Diplomaten beschlossen. Am Dienstag schloss sich Australien als 25. Land an. Die USA beschlossen die Ausweisung von insgesamt 60 russischen Diplomaten sowie die Schließung des russischen Generalkonsulats in Seattle.

Am 5. März war bekanntgeworden, dass der ehemalige Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU und Überläufer Sergej Skripal und seine Tochter Julia in der britischen Stadt Salisbury vergiftet wurden. London behauptet, Skripal und seine Tochter seien mit dem Stoff A234 vergiftet worden, und wirft Moskau vor, in das Attentat verwickelt zu sein, weil der Giftstoff nach Angaben von Experten sowjetischer Herkunft war. Russland weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Skripal war 2006 wegen Spionage für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Er kam jedoch im Juni 2010 im Zuge eines Austausches inhaftierter Spione zwischen Russland und den USA auf freien Fuß. Kurz darauf wurde Skripal in Großbritannien Asyl gewährt.

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