Experte: Ukrainische Wirtschaft steht am Rande eines Defaults

 

Die Wirtschaft der Ukraine steht trotz der scheinbaren Stabilität vor der Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit und einer sozial-demographischen Krise, worauf viele Indikatoren hinweisen. Dies stellte die ukrainische Wirtschaftswissenschaftlerin Dr. Tatjana Bogdan in ihrem Artikel für die in Kiew erscheinende Wochenzeitschrift „Zerkalo nedeli“ fest.

„Negativ ist die Tatsache, dass die Nationalbank eine Verringerung des Volumens der internationalen Reserven gleichzeitig mit einer nominalen Aufwertung des Hrywnja-Kurses (um 6,9 Prozent innerhalb von fünf Monaten seit Jahresbeginn) zugelassen hat. Und das zum Zeitpunkt einer hohen Belastung durch Zahlungen zu den Staatsschulden (im Zeitraum 2018-2020), was ohne die andauernde Unterstützung internationaler Organisationen für die Ukraine die reale Gefahr eines souveränen Defaults heraufbeschwört“, schreibt Bogdan.

Unter Verweis auf Daten der Weltbank für 2016 hebt die Autorin hervor, dass solche Kennwerte wie das Verhältnis von Auslandsschulden und Export, aber ebenso des Bruttonationaleinkommens den Durchschnittswert in den Ländern mit geringen Einnahmen wesentlich überstiegen habe.

Zudem hätten die gesamten Auslandsschulden der Ukraine Ende März 2018 etwa 210,2 Prozent ihres Exportvolumens erreicht, wobei 200 Prozent als äußerst zulässiger Grenzwert gelten. Die Auslandsschulden hätten 100,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei maximal zulässigen 60 Prozent betragen, und die kurzfristigen Auslandsschulden der Ukraine – 259,7 Prozent der internationalen Reserven bei maximal zulässigen 100 Prozent.

Laut der Expertin zeigten im ersten Quartal 2018 nur drei von elf Indikatoren der äußeren Stabilität einen niedrigen Grad an Verwundbarkeit hinsichtlich der Einwirkung von Schocksituationen. In Bezug auf die übrigen Indikatoren der Höhe der Auslandsschulden, der Schuldenrückzahlungen und der Höhe der internationalen Reserven des Landes würden die entsprechenden Risiken für das Land als sehr hoch eingeschätzt.

„Somit signalisieren das bedeutende Handelsdefizit, der niedrige Stand der internationalen Reserven, das negative Saldo der internationalen Investitionspositionen, der übermäßige Umfang der Auslandsschulden der Ukraine und die übermäßige Last der Schuldenrückzahlungen die Möglichkeit des Ausbrechens einer Schuldenkrise und einer Krise der Zahlungsbilanz in unserem Land in nicht allzu fernen Zukunft“, warnt Bogdan.

Wie die Wirtschaftswissenschaftlerin ferner hervorhebt, habe sich die Ukraine Anfang 2018 erstmals seit drei Jahren mit ernsthaften Schwierigkeiten bei der Erfüllung ihres Etats und der Tätigung der planmäßigen Auszahlungen zur Tilgung und Bedienung der Auslandsschulden konfrontiert gesehen.

Die Kiewer Behörden hätten ihr zufolge zur Refinanzierung der Zahlungen hinsichtlich der internationalen Anleihen etwa sechs Milliarden Dollar heranziehen wollen, doch im ersten Halbjahr seien es nur 100 Millionen Dollar gewesen, da das Programm der Zusammenarbeit mit dem IWF gestoppt worden sei.

Somit sei es zu Problemen bei der Finanzierung der Haushaltsausgaben gekommen, schreibt die Expertin, weshalb das Finanzministerium genötigt gewesen sei, das Volumen der Zuwendungen zu kürzen, was unweigerlich zur einer Kürzung des Etats führen werde.

„Die Kürzung der Staatsausgaben unter Bedingungen einer schwachen Wiederherstellung der Wirtschaftsaktivitäten nach der tiefen Krise von 2014-2015 wird ein Faktor sein, der die Wirtschaftstätigkeit unterdrückt und die sozial-demographische Krise im Lande vertieft“, stellt die Autorin in ihrem Artikel fest.

Das auf vier Jahre berechnete Hilfsprogramm des IWF sieht vor, der Ukraine 17,5 Milliarden Dollar bereitzustellen. Im März 2015 war die erste Tranche in Höhe von  fünf Milliarden Dollar an Kiew überwiesen worden, im August desselben Jahres – die zweite Tranche in Höhe von 1,7 Milliarden Dollar.

In den Jahren 2016 und 2017 hatte die Ukraine je eine Tranche in Höhe von einer Milliarde Dollar erhalten. Kiew hoffte, eine fünfte Tranche bis Jahresende 2017 zu erhalten, aber dies ist bis jetzt nicht geschehen, da Kiew die Forderungen des IWF nicht erfüllt hat.

 

 

 

Quelle: Sputnik